Bild: KI-generiert

Kopf ausräumen: fünf Körbe für alles, was offen ist

  • Was nur im Kopf steht, verbraucht dauerhaft Aufmerksamkeit, auch dann, wenn du gerade gar nichts damit tun kannst.
  • Zehn Minuten alles aufschreiben, dann in fünf Körbe sortieren: jetzt, terminieren, abgeben, streichen und nicht meine Aufgabe.
  • Der fünfte Korb ist der wichtigste, weil er sichtbar macht, was bei einer Schule oder einer Behörde liegt und nicht bei dir.

27. August 2026 · 4 Min. Lesezeit

werkzeuge

Es ist halb elf abends, alles ist erledigt, und trotzdem geht nichts. Im Kopf laufen der Antrag, der Rückruf bei der Ergotherapie, die Unterschrift für den Ausflug, die Frage, ob die Turnschuhe noch passen, und irgendwo darunter der Satz der Lehrerin von vorletzter Woche. Nichts davon ist gerade zu erledigen. Alles davon ist gerade aktiv.

Warum der Kopf der schlechteste Ort für eine Liste ist

Das Arbeitsgedächtnis hält offene Dinge nicht einfach fest, es hält sie aktiv. Solange eine Aufgabe nur dort existiert, verbraucht sie Aufmerksamkeit, auch dann, wenn du gerade nichts damit tun kannst. Der ADHS-Forscher Russell Barkley beschreibt das Auslagern nach außen deshalb als eine der wirksamsten Strategien überhaupt: nicht besser merken, sondern nicht mehr merken müssen.

Für Eltern, die selbst ADHS haben, gilt das doppelt. Und die meisten Eltern neurodivergenter Kinder tragen zusätzlich eine Menge Aufgaben, die es in anderen Familien einfach nicht gibt.

Schritt eins: zehn Minuten alles raus

Timer stellen und aufschreiben, was im Kopf ist. Ohne Reihenfolge, ohne Bewertung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Halbe Sätze reichen, „Zettel Ausflug“ reicht. Wichtig ist nur eines: nicht sortieren, während du schreibst. Sortieren unterbricht, und dann kommt der Rest nicht mehr heraus.

Sprechen statt schreiben ist genauso gut. Diktier es in dein Handy, wenn Tippen der Punkt ist, an dem du aussteigst.

Schritt zwei: fünf Körbe

  • Jetzt. dauert unter fünf Minuten. Dann mach es sofort, es kostet weniger, als es aufzuschreiben.
  • Terminieren. braucht einen Zeitpunkt. Nicht „diese Woche“, sondern einen Eintrag im Kalender.
  • Abgeben. kann jemand anderes machen. Partner, Großeltern, Kind, Nachbarin.
  • Streichen. war nie wirklich wichtig. Streichen ist eine Entscheidung, kein Versäumnis.
  • Nicht meine Aufgabe. liegt bei einer Behörde, einer Schule, einer Stelle. Nicht bei dir.

Der fünfte Korb

Die klassische Version dieser Übung kennt vier Körbe. Für Familien mit neurodivergenten Kindern fehlt damit der wichtigste. Denn ein großer Teil dessen, was auf so einem Zettel landet, ist gar nicht die eigene Aufgabe: die Abklärung, die seit Monaten hängt, die Förderung, die die Schule leisten müsste, der Bescheid, auf den eine Behörde antworten muss.

In einem Vier-Korb-System landen diese Dinge zwangsläufig unter „erledigen“. Und dort erzeugen sie ein Versagensgefühl für etwas, das nie in deiner Hand lag. Der fünfte Korb macht sichtbar, was gerade nicht deine Last ist. Das ist der Unterschied zwischen einer Übung, die dich optimiert, und einer, die dich entlastet.

Geh diesen Korb bewusst als Ersten durch und leg ihn dann beiseite. Nachfassen kannst du morgen. Heute darf er einfach nicht in deinem Kopf sein.

„Nicht alles, was auf deinem Zettel steht, war jemals deine Aufgabe.“

Ein Satz pro Zeile: woran merke ich, dass es fertig ist

Aufgaben ohne definiertes Ende wandern monatelang zwischen den Körben. Deshalb kommt hinter jede Zeile ein Satz, der mit „fertig ist es, wenn“ beginnt. „Fertig ist es, wenn die Mail weg ist.“ Nicht „mit der Schule klären“, denn das ist nie fertig. Diese Idee kommt aus David Allens Getting Things Done und ist der Teil davon, der auch dann funktioniert, wenn man Systeme eigentlich nicht mag.

Mit dem Kind, ab etwa acht

Mündlich, das Kind spricht, du schreibst mit. Die Frage lautet: „Was schwirrt dir gerade alles im Kopf herum?“ Danach nur drei Körbe: mache ich heute, mache ich später, ist nicht meine Aufgabe. Der dritte ist auch hier der wichtigste. Kinder halten erstaunlich viel für ihre Zuständigkeit, was es nicht ist, von der Stimmung der Erwachsenen bis zu Konflikten in der Klasse.

Für Pädagog*innen

Dieselben fünf Körbe funktionieren für die eigene Vorbereitungs- und Dokumentationslast, und der fünfte ist auch dort der ehrlichste. Als Werkzeug für die Klasse eignet sich die Kurzfassung vor Prüfungsphasen: fünf Minuten, alle schreiben auf, was ihnen im Kopf herumgeht, danach nur die Frage, was davon heute überhaupt zu tun ist. Nicht einsammeln, nicht ansehen, nicht besprechen. Die Wirkung liegt im Aufschreiben, nicht in der Rückmeldung.

Wenn schon das Ausräumen zu viel ist

Dann gilt die kleine Fassung: drei Dinge, ein Korb, Schluss. Diese Übung soll dir nicht beweisen, wie viel offen ist. Sie soll dir zeigen, wie viel davon heute nichts von dir will.

Quellen

· Vier-D-Regel der Zeitplanung (erledigen, terminieren, abgeben, streichen) · Standard der Arbeitsorganisation

· David Allen, Getting Things Done (2001) · definierter Endzustand pro Aufgabe

· Russell A. Barkley · Externalisierung als Kompensationsstrategie bei ADHS

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