Die Brücke zwischen zwei Dingen
Das Anziehen ist nicht das Problem. Das Aufhören mit dem, was vorher war, ist es. Das Abendessen ist nicht das Problem, das Weggehen vom Spiel ist es. Das Bett ist nicht das Problem, der Weg dorthin ist es. Wenn du die schwierigen Momente eines Tages aufschreibst, stehen fast alle davon an derselben Stelle: dazwischen.
Warum ein Wechsel so viel kostet
Ein Übergang verlangt drei Dinge gleichzeitig: aus etwas heraus, in etwas anderes hinein, und dazwischen einen Moment, in dem nichts klar ist. Für viele neurodivergente Kinder ist jeder dieser drei Teile aufwendig. Die Forschung zum Monotropismus beschreibt, dass Aufmerksamkeit sich oft tief in eine Sache legt. Das ist eine Stärke, solange man in dieser Sache bleiben darf. Ein Wechsel bedeutet dann nicht, kurz umzuschalten, sondern aus einem Tunnel heraus und in einen neuen hinein.
Dazu kommt der Zeitpunkt. Übergänge liegen fast immer da, wo am wenigsten Kraft übrig ist: nach der Schule, vor dem Losgehen, am Abend. Deshalb sieht ein Kind an dieser Stelle unkooperativ aus, das den ganzen Tag über kooperativ war.
Die fünf Teile einer Brücke
- Vorlauf. wie viel Vorwarnung braucht dieser Wechsel? Manche Kinder brauchen zwei Minuten, manche zwanzig. Das ist herausfindbar.
- Signal. woran merkt das Kind, dass es losgeht? Immer dasselbe Signal, am besten nicht deine Stimme. Ein Timer, ein Lied, eine Lampe.
- Ritual. eine kleine, immer gleiche Handlung, die den Wechsel füllt. Das Spielzeug an denselben Platz. Zusammen bis drei zählen. Die Jacke immer in derselben Reihenfolge.
- Ein Ding, das mitreist. ein Gegenstand, der von hier nach dort mitkommt. Das nimmt dem Wechsel das Endgültige.
- Der erste Schritt am Ziel. was passiert als Allererstes, wenn wir dort sind? Vorher festgelegt, nicht im Moment entschieden.
Einmal durchgerechnet
Spiel zu Abendessen, ein Wechsel, der in vielen Familien täglich schwierig ist. Vorlauf: zehn Minuten. Signal: Küchentimer, immer derselbe Ton. Ritual: die Figuren kommen in die Kiste, und die Kiste bleibt offen, damit klar ist, dass es weitergeht. Ein Ding, das mitreist: eine Figur darf mit an den Tisch. Erster Schritt am Ziel: das Kind darf das Wasser eingießen. Fünf Kleinigkeiten, und daraus wird aus einem Abbruch ein Ablauf.
„Ein Kind, das bei Wechseln aussteigt, ist nicht bockig. Es steht vor einer Lücke, über die keine Brücke gebaut ist.“
Wenn der Countdown alles schlimmer macht
Bei manchen Kindern erzeugt genau die Ankündigung den Stress. Zehn Minuten Vorlauf heißen dann zehn Minuten Anspannung, und das Ende ist schlechter als ohne Vorwarnung. Häufig ist das bei Kindern mit ausgeprägter Anforderungsvermeidung so.
Dann bindest du das Ende nicht an die Uhr, sondern an ein Ereignis im Spiel selbst. „Wenn dieses Level fertig ist.“ „Wenn der Turm oben ist.“ Das Kind behält die Kontrolle über den Zeitpunkt, der Wechsel kommt trotzdem. Und wenn auch das nicht funktioniert, hilft es, den Wechsel gar nicht anzukündigen, sondern selbst hineinzugehen: sich dazusetzen, mitspielen, und die Bewegung aus dem Spiel heraus gemeinsam machen.
Für Pädagog*innen
- Der Wechsel ist Unterricht. nicht die Lücke zwischen zwei Stunden, sondern ein eigener Programmpunkt mit eigener Zeit.
- Immer dasselbe Signal. und zwar für die ganze Gruppe, nicht als Ansprache an ein Kind.
- Sichtbar statt gesagt. ein Ablauf in Bildern oder ein Timer wirkt anders als eine Ansage, die im Raumgeräusch untergeht.
- Der erste Schritt am Ziel gehört vorbereitet. wenn beim Betreten des Turnsaals klar ist, was zuerst passiert, entsteht dort kein Leerlauf.
- Die zwei schwierigsten Wechsel kennen. meistens sind es Ankommen am Morgen und die Rückkehr nach der großen Pause.
So fängst du an
Schreib drei Übergänge auf, an denen es bei euch regelmäßig schwierig wird. Nimm einen davon und bau für den die fünf Teile. Eine Woche lang immer gleich. Wenn es nicht funktioniert, ist meistens der Vorlauf zu kurz oder der erste Schritt am Ziel nicht festgelegt.
Quellen
· Dinah Murray, Mike Lesser, Wenn Lawson (2005) · Monotropismus, Aufmerksamkeit in Tunneln
· Visuelle Hilfen und angekündigte Wechsel · als evidenzbasierte Praxis in der Autismusförderung beschrieben
· Elizabeth Newson u. a. · Pathological Demand Avoidance, Umgang mit Anforderungen
Weiter geht es in der App
bloomnow begleitet dich in genau den Momenten, um die es hier geht: mit Übungen für den Notfall, Videos von Fachleuten und einer Community, die denselben Alltag kennt.
Vormerken