Die Stufen, bevor es zu viel wird
- Zwischen ausgeglichen und überhitzt liegen fünf Stufen, und in den mittleren wirkt Hilfe noch.
- Jede Stufe bekommt drei Spalten: woran du sie erkennst, was dann hilft, und was du besser lässt.
- Fang bei ausgeglichen an und nicht bei den Rändern, sonst schreibst du eine Problemliste statt eines Vergleichsmaßstabs.
„Es kommt aus dem Nichts“, sagen viele Eltern. Und dann, wenn man genau hinschaut, war vorher doch etwas. Ein kürzerer Satz als sonst. Ein Fuß, der wippt. Ein Kind, das sich die Ohren zuhält und nichts sagt. Überlastung kommt fast nie ohne Vorlauf. Sie kommt nur oft ohne Vorlauf, den jemand vorher erkannt hat.
Warum es aussieht, als käme es aus dem Nichts
Unser Nervensystem hat einen Bereich, in dem wir denken, fühlen und reagieren können, ohne dass eines davon zusammenbricht. Der Psychiater Daniel Siegel hat diesen Bereich Window of Tolerance genannt, also das Fenster, in dem wir belastbar sind. Oberhalb davon wird das System hochgefahren, das zeigt sich als Wut, Weinen, Flucht, Bewegung. Unterhalb wird es heruntergefahren, das zeigt sich als Erstarren, Verstummen, Abwesenheit. Beides ist keine bewusste Entscheidung.
Bei vielen neurodivergenten Kindern ist dieses Fenster im Alltag schmaler, weil schon das Mitkommen in den Kindergarten oder zur Schule einen Großteil der verfügbaren Kraft verbraucht. Was von außen wie eine übertriebene Reaktion auf eine Kleinigkeit wirkt, ist meistens die Reaktion auf alles, was vor dieser „Kleinigkeit" geschah.
Ehrlich eingeordnet: Die folgenden „fünf Stufen" sind ein Erklärungsmodell, keine Diagnose und kein Test. Es sagt nichts darüber aus, was dein Kind hat. Es hilft, den Verlauf zu lesen.
Die fünf Stufen
- Überhitzt. laut, in Bewegung, weinend, wütend, manchmal alles zusammen.
- Angespannt. kurze Antworten, Zappeln, Ohren zuhalten, alles ist plötzlich zu viel oder falsch.
- Ausgeglichen. die Mitte. Hier ist ein Gespräch möglich, hier ist Lernen möglich.
- Zurückgezogen. leise, abwesend, antwortet knapp, ist irgendwie nicht da.
- Abgeschaltet. erstarrt, spricht nicht mehr, reagiert nicht, wirkt wie weggetreten.
Fang in der Mitte an, nicht bei den Erregungsstufen am Rand
Diese Übung hilft dir das Verhalten deines Kindes zu beschreiben und die dahinterliegenden Stufen bewusst zu erkennen.
Und der wichtigste Teil ist der, den fast alle anders machen, da man intuitiv sofort an die Ausnahmesituationen denkt. Aber wenn du damit beginnst, Situationen zu beschreiben, in denen dein Kind „Überhitzt“ ist, schreibst du eine Problemliste. Wenn du mit „Ausgeglichen“ beginnst, beschreibst du zuerst dein Kind, dem es gut geht, und hast damit überhaupt erst einen Vergleichsmaßstab. Also, woran erkennst du im Alltag, dass es deinem Kind gerade gut geht? So konkret wie möglich: Stimme, Tempo, Körper, Augen, Art zu spielen.
Beschreibe danach die beiden Nachbarstufen, „Angespannt“ und „Zurückgezogen“. Das sind die entscheidenden, denn dort wirkt Hilfe noch. Ganz oben und ganz unten wirkt fast nichts mehr, außer Zeit und Ruhe.
Drei Spalten, und die dritte ist das Ziel
Neben jede Stufe kommen nun drei Dinge: woran wir es sehen, was kurz davor war, und was schon geholfen hat. Die zweite Spalte ist der eigentliche Hebel, denn nicht die Stufe ist die Information, sondern der Weg dorthin. Die dritte Spalte ist am Ende das Produkt: nach zwei Wochen Sammeln hast du ein Blatt, das du weitergeben kannst. An die Schule, an die Oma, an die Nachmittagsbetreuung, an die Person, die einspringt, wenn du nicht kannst. Genau dieses Blatt fehlt Familien am häufigsten.
Wichtig dabei: In die dritte Spalte kommt nur, was tatsächlich geholfen hat. Nicht, was helfen sollte.
„Nicht die Stufe ist die Information. Der Weg dorthin ist es.“
Die Stufe, die niemand sieht
Zurückgezogen und Abgeschaltet fallen nicht auf. Ein Kind, das leise wird, stört nicht, also merkt es niemand, und das kann tagelang so weitergehen. Dabei ist ein Shutdown genauso ein Zeichen von Überlastung wie ein Meltdown, nur ohne Lautstärke. Wenn du eine Stufe bewusst mitbeobachtest, dann diese.
Für Pädagog*innen
Für dreißig Kinder ist das nicht leistbar, und das muss man offen sagen. In der Schule sieht die Übung anders aus. Nimm ein bis zwei Kinder, bei denen es regelmäßig zu viel wird, und füll die Stufen gemeinsam mit den Eltern aus. Eltern kennen die Anzeichen, du kennst den Kontext, in dem sie auftreten. Erst beides zusammen ergibt ein Bild.
Dazu lohnt eine zweite, kürzere Liste: welche frühen Anzeichen kommen in dieser Klasse häufig vor, unabhängig vom einzelnen Kind. Daraus folgen Entscheidungen über Raum, Sitzordnung und Ablauf, nicht Maßnahmen für ein Kind.
Was diese Übung nicht ist
- Kein Protokoll. Es gibt nichts zu zählen und nichts auszuwerten.
- Keine Diagnose. Die Stufen beschreiben Zustände, nicht Ursachen.
- Nichts für den akuten Moment. Ausgefüllt wird an einem ruhigen Abend, nicht mitten in der Situation.
Und wenn dir das Ausfüllen zu viel wird: Mitte plus eine Nachbarstufe reicht für den Anfang. Nimm die Stufe, die diese Woche am häufigsten vorkommt, und schau nur dort genauer hin.
Quellen
· Daniel J. Siegel, The Developing Mind (1999) · Window of Tolerance
· Stephen W. Porges · Polyvagale Theorie, Hyper- und Hypoarousal
· Zonen- und Ampelmodelle der Selbstregulation, verbreitet in der schulischen Praxis
Weiter geht es in der App
bloomnow begleitet dich in genau den Momenten, um die es hier geht: mit Übungen für den Notfall, Videos von Fachleuten und einer Community, die denselben Alltag kennt.
Vormerken