Was zieht und was gibt: die Energiekarte eures Tages
Der Supermarkt am Vormittag ist kein Problem. Der Supermarkt um Viertel nach vier ist eine Katastrophe. Es ist derselbe Supermarkt, dasselbe Kind, dieselbe Einkaufsliste. Was sich geändert hat, ist alles, was zwischen halb acht und vier Uhr passiert ist.
Der Denkfehler in den meisten Energielisten
Übliche Listen sortieren Tätigkeiten in „kostet Kraft“ und „gibt Kraft“. Bei einem Schulkind führt das in die Irre, weil die Wirkung nicht an der Tätigkeit hängt, sondern an der Tageszeit und daran, was vorher war. Deshalb hat diese Version eine Zeitachse.
Vier Zeilen: Morgen bis Losgehen, Schule und Betreuung, Nachmittag, Abend.
Drei Spalten: zieht Kraft, kommt drauf an, und zwar..., gibt Kraft.
Das Ergebnis ist keine Verbotsliste, sondern eine Landkarte, aus der hervorgeht, was sich verlegen lässt.
Die mittlere Spalte ist die wichtigste
„Kommt drauf an“ allein hilft nicht. Deshalb heißt die Spalte „kommt drauf an, und zwar...“. Dort steht die Bedingung, unter der etwas geht.
- Supermarkt geht, wenn die Kopfhörer mit sind.
- Geburtstagsfeier geht, wenn wir nach einer Stunde gehen dürfen und das vorher abgesprochen ist.
- Hausübung geht, wenn davor vierzig Minuten nichts war.
- Besuch geht, wenn das Kind einen Raum hat, in den es verschwinden darf.
Das ist die einzige Spalte, aus der direkte Handlungen folgen. Der häufigste Fehler dabei: die Bedingung kennen und sie nicht vorbereiten. Eine Bedingung, die nicht eingeplant ist, wirkt nicht.
„Verlegen statt vermeiden. Das ist meistens der ganze Unterschied.“
Zu wenig Reiz ist auch ein Auslöser
In fast allen Anleitungen geht es nur um Überreizung. Bei ADHS ist Unterreizung genauso ein Auslöser: Warten, Leerlauf, eine Aufgabe, die nichts fordert, eine Autofahrt ohne Beschäftigung. Was dann aussieht wie Trotz oder Herumalbern, ist häufig die Suche nach Reiz. Deshalb gehört in diese Übung beides.
Die zwei Sätze, die vorher fertig sein müssen
Am Ende der Karte stehen zwei Sätze, ausformuliert und sichtbar aufgehängt:
- Wenn zu viel los ist, dann … Ort und Handlung, konkret benennen. Nicht „dann beruhigen wir uns“.
- Wenn zu wenig los ist, dann … auch hier konkret werden, mit einer Sache, die tatsächlich verfügbar ist.
Warum ausformuliert und nicht als guter Vorsatz? Weil im Voraus formulierte Wenn-dann-Sätze deutlich zuverlässiger ausgeführt werden als Absichten. Der Psychologe Peter Gollwitzer hat das für viele Verhaltensbereiche gezeigt. Im Moment der Überlastung sucht niemand mehr eine Lösung. Da muss sie fertig an der Wand hängen.
Für Pädagog*innen
Zeichne den Schultag als Zeitachse und markiere die Reizspitzen: Ankommen, Gang, große Pause, Umkleide, Turnsaal, Mittagessen, jeder Wechsel. Dann stell nur eine Frage: was davon ist verlegbar. Eine Leistungsüberprüfung direkt nach der großen Pause und eine davor sind für manche Kinder zwei völlig verschiedene Herausforderungen.
Die Bedingungsspalte lohnt sich auch hier, gemeinsam mit den Eltern ausgefüllt. „Geht mit Kopfhörern“ ist eine Information, die in der Schule oft nie ankommt, obwohl sie zu Hause längst bekannt ist.
So fängst du an
Eine Woche lang, abends drei Minuten notieren: eine Sache, die Energie gezogen hat, eine, die gegeben hat. Nicht mehr. Danach schaust du dir die Karte an und stellst eine einzige Frage: welche Sache aus der linken Spalte (Energieräuber) könnte in eine andere Zeile, also in ein anderes Zeitfenster wandern. Mehr braucht es für den Anfang nicht.
Quellen
· Christine Miserandino (2003) · Spoon Theory als Bild für ein begrenztes Tagesbudget
· Winnie Dunn · Sensory Profile, systematische Erfassung sensorischer Vorlieben und Belastungen
· Peter M. Gollwitzer (1999) · Implementation Intentions, Wirksamkeit von Wenn-dann-Plänen
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