Foto: Vecteezy

Wenn ein Elternteil denkt, das Kind wird verzogen

  • Bei neurodivergenten Kindern wirkt klassische Härte oft nicht, weil das Verhalten eine andere Ursache hat.
  • Verhalten ist Kommunikation: Die Frage ist nicht „wer hat recht?“, sondern „was braucht dieses Kind?“.
  • Klarheit ja, Härte nein, und nach außen als Paar mit einer Stimme sprechen.

22. Juni 2026 · 4 Min. Lesezeit · In der App weiterlesen

soforthilfeverstehenbeziehung

„Du bist einfach zu weich.“ Wenn Eltern sich uneinig sind, ob ein Kind Grenzen braucht oder Verständnis, leiden alle, auch das Kind. Hier ein Weg aus der Schuldfrage, hin zu einem gemeinsamen Plan.

Es ist eine der härtesten Situationen, die eine Familie erleben kann, und sie wird selten offen besprochen. Ein Elternteil sieht ein Kind, das mehr Verständnis und eine andere Art von Unterstützung braucht. Der andere sieht ein Kind, dem Konsequenz fehlt, und ein Gegenüber, das viel zu nachgiebig ist. „Du verziehst ihn.“ „Du bist zu hart.“ Beide lieben das Kind. Beide wollen das Beste. Und trotzdem stehen sie sich gegenseitig im Weg, oft jeden Abend aufs Neue.

Das Bittere daran: Das Kind spürt diesen Konflikt genau. Es merkt, dass es zwischen den Eltern Streit auslöst, und das verstärkt seinen Stress, der oft ohnehin schon der Auslöser des Verhaltens war. Ein Kreislauf entsteht.

Warum „mehr Strenge“ hier oft scheitert

Bei neurodivergenten Kindern wirkt klassische Härte häufig nicht, und manchmal verschlimmert sie die Lage sogar. Das liegt nicht an zu wenig Disziplin, sondern daran, dass das Verhalten eine andere Ursache hat als bei einem Kind, das einfach nur austestet. Ein Kind, das im Supermarkt zusammenbricht, ist selten „schlecht erzogen“. Es ist oft schlicht überflutet von Reizen, die für andere kaum spürbar sind.

Wichtig ist auch die Faktenbasis: Neurodivergenz entsteht nicht durch Verwöhnen. ADHS und Autismus sind stark erblich, mit einer Erblichkeit von rund 74 beziehungsweise etwa 80 Prozent, und in der frühen Hirnentwicklung angelegt. Kein Erziehungsstil der Welt erzeugt sie, und kein noch so strenger erzieht sie weg. Das zu wissen entlastet beide Eltern, denn es nimmt die Schuldfrage aus dem Raum.

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